Bouncing forward – Wie Erkenntnisse aus der Resilienzforschung in der Corona-Krise helfen können

Der Begriff Resilienz (von lat. resilire „abprallen“) beschreibt die Fähigkeit nach Belastungen oder Störungen in das Ausgangsstadium zurückzukehren. In der Ingenieurwissenschaft steht er für die Widerstandsfähigkeit von Materialien und Strukturen. Er kann aber auch verwendet werden, um komplexe Systeme und deren Verhalten gegenüber Störungen und Schocks zu analysieren. Je schneller ein System wieder normal funktioniert, desto resilienter ist es. Man spricht vom bounce back beim sprunghaften Erreichen des Ausgangszustandes. 

Das Konzept der Resilienz soll helfen können, zu verstehen, warum die Corona-Pandemie in manchen sozio-technischen Systemen zu Machtlosigkeit führt, in anderen hingegen geringe Folgen hat oder sogar neue Chancen bietet. So schreibt es der Forscher Florian Roth in einem Blogbeitrag des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI. 

Der Autor findet neben dem bounce back den erweiterten Begriff bounce forward noch interessanter. Hier ist nicht die Rückkehr zum Zustand vor einem Schock das Ziel. Da die Krise Veränderungen mit sich bringt, soll stattdessen durch ein Anpassen an die neuen Umweltbedingungen das System nach der Krise leistungsfähiger und langlebiger werden. 

Was Politik für mehr Resilienz in Wirtschaft und Gesellschaft tun kann: 

Da laut der Resilienzforschung nie alle möglichen Schockzustände vorhergesagt werden können, geht es darum zentrale Fähigkeiten und kritische Ressourcen vorzuhalten. Die Politik kann frühzeitig die Robustheit bestehender Strukturen fördern, beispielsweise lässt sich die Widerstandsfähigkeit von Infrastrukturen gegenüber Naturgefahren steigern durch regulatorische Vorgaben. Auch Redundanzen sind wichtig, stehen in der Praxis jedoch häufig im Widerspruch zum Effizienzprimat in Wirtschaft und Politik. Auch eine Förderung dezentraler Organisations- und Beteiligungsformen wirkt stärkend. Aus der Katastrophenforschung weiß man, dass die Zivilgesellschaft enorme Fähigkeiten zur Selbstorganisation besitzt und wertvolle Ressourcen zur Krisenbewältigung bereitstellen kann. Entscheidend ist dabei, dass die Bürger effektiv einbezogen werden. Dafür müssen frühzeitig Partizipationsstrukturen geschaffen werden. 

Die Corona-Krise könnte sich laut Autor als wichtiger Katalysator für zentrale wirtschaftliche und gesellschaftliche Transformationsprozesse, wie die Digitalisierung und künstliche Intelligenz, den Strukturwandel in wirtschaftlich schwachen Regionen oder die Dekarbonisierung erweisen. Voraussetzung ist, statt möglichst schnell den Vor-Krisen-Zustand anzustreben, eine weitsichtige und nachhaltige Weiterentwicklung unserer Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme voranzutreiben.

Die Wirksamkeit von getroffenen Maßnahmen zur Resilienzsteigerung kann sich allerdings erst in der nächsten Krise zeigen. 

Quelle: Florian Roth, Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI

https://www.isi.fraunhofer.de/de/blog/2020/resilienz-corona-krise.html

 

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